Nachhaltigkeitsorientiertes Unternehmertum

Der BPW ist der erste Businessplan-Wettbewerb, der das Thema Nachhaltigkeit vor Jahren in jedes Handbuchkapitel des Businessplans eingeführt hat. Das nachhaltigste Konzept wird am Ende eines Wettbewerbs bei der großen Abschlussprämierung mit dem Sonderpreis Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Im aktuellen Wettbewerb gab es ein spezielles Workshop-Programm, die Inhalte wurden gemeinsam mit dem Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit und der Universität Oldenburg definiert. Frau Dr. Irina Tiemann betreute die Seminarreihe des BPW und wird einige wichtige Aspekte in diesem Beitrag näher erläutern.

Warum sind Nachhaltigkeit bzw. nachhaltigkeitsorientiertes Unternehmertum heutzutage wichtig?

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 die Treibhausgasemissionen in Deutschland um 80 bis 95 Prozent unter das Niveau von 1990 zu senken. Dies ist notwendig, um die bereits erwartete Klimaveränderungen und ihre Auswirkungen auf einem erträglichen Maß zu halten.

Dieses Ziel kann aber nur durch große Veränderungen und Innovationen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens erreicht werden. Hier kommt unternehmerische Initiative ins Spiel. Während Verbesserungsinnovationen beispielsweise im Bereich Energieeffizienz stärker von bestehenden Unternehmen vorangebracht werden, spielen Gründungen eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, völlig neue Wege einzuschlagen und radikal neue Lösungen auf den Markt zu bringen. Die Ergebnisse des aktuellen Green Economy Gründungsmonitors belegen, dass bereits rund 14 Prozent aller Gründungen in Deutschland mit ihren Produkten und Dienstleistungen einen Beitrag zu einer Umwelt und Klima schonenden Wirtschaft leisten. Dieser Anteil sollte weiter ausgebaut werden, um die gesetzten Ziele zu erreichen aber auch um die wirtschaftlichen Potenziale zu nutzen. Die grüne Wirtschaft verspricht einen großen Zukunftsmarkt. Nach Berechnungen einer Studie von Roland Berger soll das Marktvolumen für Umwelttechnik und Ressourceneffizienz sich weltweit in den kommenden zehn Jahren mehr als verdoppeln.

Was bedeutet Nachhaltigkeit bzw. nachhaltigkeitsorientiertes Unternehmertum?

Nachhaltigkeit bedeutet mehrdimensional zu denken und zu handeln! Im Rahmen eines nachhaltigkeitsorientierten Unternehmertums geht es dabei darum, neben der ökonomischen auch die sozialen und ökologischen Dimensionen zu berücksichtigen. Das bedeutet allerdings nicht, dass durch Berücksichtigung sozialer und ökologischer Belange ökonomische Einschnitte in Kauf genommen werden müssen. Im Gegenteil können durch einen differenzierten, unternehmerischen Blick frühzeitig Risiken erkannt und neue Potenziale erschlossen werden.

Ganz konkret kann nachhaltigkeitsorientierte Geschäftsaktivität zum einen bedeuten, die eigenen Unternehmensaktivitäten energie- und materialsparend auszurichten und weder Mensch noch Natur heute oder zukünftig auszubeuten. Zum anderen kann nachhaltigkeitsorientierte Geschäftsaktivität aber auch bedeuten, Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die den Wandel der Gesellschaft zu einer Umwelt und Klima schonenden Wirtschaft ermöglichen.

Was können Gründerinnen/Gründer und Unternehmen tun, um Nachhaltigkeit in ihre Geschäftsidee und -prozesse zu integrieren? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Jede Gründung beginnt zunächst mit einer guten Idee. Doch bevor aus dieser Idee ein ausgereiftes Geschäftskonzept entsteht, müssen die Gründer die Idee konkretisieren, von allen Seiten beleuchten und ein konkretes Geschäftsmodell entwickeln. Um Nachhaltigkeit erfolgreich dabei zu integrieren, ist es hilfreich, bereits von Anfang an breiter zu denken und das Geschäftsmodell hinsichtlich der ökonomischen, sozialen und ökologischen „Performance“ zu hinterfragen. Wir sprechen hier von einer „Integrationsstrategie“. Aber auch bereits bestehende Unternehmen und Geschäftsideen können zu definierten Zeitpunkten Ihre Geschäftsausrichtung und -aktivitäten hinterfragen und nachhaltig ausrichten. Das nennen wir „Additionsstrategie“. Dazu sollten entsprechende Prozesse im Unternehmen etabliert werden.

Bei unseren Workshops zur nachhaltigen Geschäftsmodellentwicklung beim BPW haben wir beobachtet, dass die größten Herausforderungen für die Gründer darin bestehen, an alle wichtigen Aspekte zu denken und komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Manche Gründer haben sich in Details verloren bevor eine übergeordnete Vision und Mission erarbeitet worden ist. Andere haben sich lange mit der Einschätzung der sich ständig verändernde Kundenbedürfnisse beschäftigt und andere wichtige Anspruchsgruppen (z.B. eigene Mitarbeiter, die Gesellschaft, die Natur) aus dem Blick verloren.

Wie können Gründer und Unternehmen diesen Herausforderungen begegnen?

Um systematisch vorzugehen und keine wichtigen Aspekte zu vernachlässigen, hat sich das „Business Model Canvas“ von Osterwalder und Pigneur als geeignetes Hilfsmittel zur Erarbeitung von Geschäftsmodellen durchgesetzt. Ein überaus wichtiger Aspekt kommt beim „Business Model Canvas“ jedoch nicht zum Tragen: Wie gestalte ich ein Geschäftsmodell nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und sozial nachhaltig? Beim Suchen und Analysieren nachhaltiger Potentiale während der Erarbeitung des Geschäftsmodells gibt es bislang für Gründer nur wenig methodische Unterstützung. StartUp4Climate setzt hier an und entwickelt aufbauend auf dem Ansatz von Osterwalder und Pigneur ein „Sustainable Business Canvas“, welchen wir in unseren Workshops beim BPW angewendet haben. Ziel ist es, die klare Struktur und den geringen Komplexitätsgrad des Modells auch bei der Erweiterung um nachhaltigkeitsspezifische Aspekte beizubehalten. Dazu wird das bekannte Instrument mit der Betrachtung von Vision/ Mission der Gründenden, sowie mit je einem Feld für die Stakeholderperspektive und Wettbewerbsbetrachtung ergänzt. Jedes Canvas-Feld enthält nun zusätzliche Leitfragen für ökologische und soziale Nachhaltigkeit und hilft so, alle wichtigen Dimensionen zu betrachten.

Wo fängt nachhaltigkeitsorientiertes Unternehmertum/ Unternehmensführung an und wie sensibilisiert man seine Mitarbeiter?

Nachhaltiges Unternehmertum fängt mit einer Festlegung der Vision und der Mission an. Die Geschäftsmodell-Vision beschreibt dabei was das Geschäftsmodell in Zukunft (z.B. in den nächsten drei bis fünf Jahren) auszeichnet und welches langfristige Ziel es dabei verfolgt. Die Geschäftsmodell-Mission dagegen bildet die zentralen Werte des Geschäftsmodells und somit den eigentlichen Zweck des zu Unternehmens ab. Jeder Gründer und Unternehmer sollte sich die Fragen stellen, wo will ich/ mein Unternehmen langfristig hin und was will ich/ mein Unternehmen damit erreichen? Im Rahmen einer nachhaltigen Geschäftsaktivität sollte die definierte Vision und Mission die drei Dimensionen des Leitgedanken „Nachhaltigkeit“ aufgreifen und in das Geschäftsmodell dementsprechend ausrichten.

Klar definierte Vision und Mission hilft auch bei der Orientierung der Mitarbeiter. Letztendlich fängt nachhaltiges Unternehmertum aus meiner Sicht bei jedem Gründer, Unternehmer und Mitarbeiter selbst an. Ganz individuell muss jeder für sich entscheiden, wo und wieviel Nachhaltigkeit mit ihm selbst im Einklang steht. Ich glaube, dass viele von uns sich wünschen – bei Allem was man tut – auch etwas Gutes für die Gesellschaft und die Umwelt zu tun. Auch kleine Dinge zählen hierzu: vom Einkauf der Biolebensmitteln vom regionalen Anbieter – bis hin zu effizienteren Arbeitsabläufen im Büro. Um die Mitarbeiter dafür zu sensibilisieren, helfen aus meiner Sicht keine Vorgaben von Vorgesetzten sondern authentisches Vorleben der Nachhaltigkeitsprinzipien.

StartUp4Climate ist die weltweit erste Gründerinitiative für eine grüne und kohlenstoffarme Wirtschaft. Die grüne Wirtschaft verspricht einerseits einen riesigen Zukunftsmarkt, dessen Anteil an der Weltwirtschaft sich in den kommenden zehn Jahren verdoppeln wird. Andererseits gilt es, die Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 95 Prozent zu senken. Hier setzt die Gründerinitiative StartUp4Climate an. Ihr Ziel: Die konsequente Ausrichtung der Gründungsförderung auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit sowie die Stärkung grüner Gründer bei der Einführung und Etablierung neuer Technologien und Dienstleistungen.

Weitere Informationen unter: www.startup4climate.de

Dr. Irina Tiemann ist wiss. Mitarbeiterin der „Exist – Gründerhochschule“ Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Sie erarbeitet im Rahmen der Gründerinitiative „StartUp4Climate“ neue Gründungsanreize sowie neue Instrumente der Gründungsplanung für klimafreundliche und nachhaltigkeitsorientierte Gründungen.

Microsoft Word - 20150529_Nachhaltigkeitsorientiertes_Unternehme

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