Investorentalk im Wohnzimmer

Die aktuelle Krise und die damit verbundenen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus haben die Wirtschaft hart getroffen. Branchenübergreifend bringt der Lockdown nicht nur gestandene Unternehmen in Existenznöte. Auch – oder gerade – für junge Startups bedeutet die aktuelle Situation eine immense Herausforderung. Die bedeutendste Aufgabe besteht in der Beschaffung von Kapital. Wenn allerdings mangels Konsum kein Umsatz generiert werden kann und die öffentlichen Förderungen nicht ausreichen, hilft vielleicht ein Investor. Doch wie ist es für Gründerinnen und Gründer in Zeiten von Corona überhaupt möglich, Kontakte zu Investoren zu knüpfen? Und wie überzeugen sie auch ohne persönlichen Kontakt?

Diesen Fragen gehen Melina Hanisch von der IHK Berlin und Anna Schnekker vom BPW im Experten-Talk auf den Grund. Dafür stehen Ihnen zwei absolute Spezialisten für Venture-Capital Rede und Antwort: Laura Möller, Investment Managerin bei der IBB Beteiligungsgesellschaft, und Lukas Mielke, Unternehmer und Business Angel. Dass der Talk aufgrund naheliegender Kontaktschranken nicht in Form einer Live-Veranstaltung möglich ist, ist kein Problem. Dann kommt er eben zu den Gründerinnen und Gründern. Und zwar direkt nach Hause. Zumindest virtuell.

Zum Einstieg in den Live-Panel warten die beiden Experten gleich mit einer guten Erkenntnis auf: Auch wenn der Schock angesichts der Corona-Krise zum Teil immer noch tief sitzt und die aktuelle Situation für zahlreiche Unternehmen problematisch ist, sehen beide gleichzeitig viele Firmen und Projekte, die in der jetzigen Phase neue Chancen für sich erkennen. Auch Kapital für Investitionen sei ausreichend vorhanden.

Viele Wege führen nach Rom

Doch wie kommen nun Gründerinnen und Gründer in Kontakt mit Venture-Capital-Gebern bzw. Business Angels?

Laut Lukas Mielke bieten sich dafür viele Wege an: Business Angels können, unter anderem, über Business-Netzwerke, wie z. Bsp. LinkedIn, direkt angeschrieben werden. Das gilt auch für ihn selbst. Jeder mit einer tollen Idee könne ihn dort kontaktieren. Und auch wenn es ein wenig dauern kann, wird er jede Anfrage beantworten. Es bieten sich darüber hinaus soziale Netzwerke wie Twitter für eine Kontaktaufnahme an. Am effizientesten sind aber immer noch Klassiker, wie der Kontakt per E-Mail oder einfach mal der direkte Anruf. „Ab einem bestimmten Punkt ist der persönliche Kontakt ohnehin unerlässlich. Das kann ein Telefonat sein, besser noch, eine Videokonferenz“, sagt Mielke. Damit können beide Seiten sich buchstäblich ein Bild vom Gegenüber machen. Wenn der erste Eindruck passt, ist das persönliche Gespräch der nächste, logische Schritt für Mielke: „In der jetzigen Phase mache ich das gerne in Form eines Walking Meetings, natürlich unter Einhaltung aller Abstandsregeln.“

Dem schließt sich Laura Möller an: „Venture-Capital lebt vom direkten, spannenden Austausch.“

Eine Übersicht über eine Vielzahl an Investoren gibt es unter folgendem Link: https://docs.google.com/spreadsheets/d/1Z3cGCZuDRrHznW4AvC41CnirNd5PDSBEQ0gVm4Zt5P0/htmlview#

Wichtig bei der Kontaktaufnahme ist, die Informationen zum eigenen Unternehmen sowie zum Geschäftsmodell immer griffbereit zu haben und dem möglichen Kapitalgeber schnell zukommen zu lassen. In diesem Zusammenhang fällt auch das Wort „Vertraulichkeit“, schließlich teilt die Gründerin bzw. der Gründer Ideen und business-interne Informationen mit jemand vermeintlich Außenstehenden. Nicht selten wird die Forderung an den Business Angel herangetragen, eine Vertraulichkeitserklärung (NDA/Non-Disclosure Agreement) zu unterzeichnen, bevor die Unterlagen zugesandt werden. Hierzu hat Lukas Mielke eine klare Meinung: Wenn ein Gründer bzw. eine Gründerin auf einen potenziellen Investor zugeht, diesem aber nicht vertraut, dass er oder sie diskret mit den Informationen umgeht, ist das keine optimale Basis für ein weiteres Engagement. Als Business Angel investiert er schließlich das eigene Kapital in das Unternehmen. Gegenseitiges Vertrauen ist dabei unerlässlich.

Nicht zu lange warten

Auf die Frage wann der richtige Zeitpunkt sei, um auf Investoren zuzugehen, antwortet Möller, dass sie die Unternehmen gerne so früh wie möglich im Gründungsgeschehen sehen möchte. Wenn die ersten Indikatoren stimmen, dann startet ein längerer Prozess, wo die Investoren „checken, ob es passt“. Hierfür muss eine gewisse Zeit eingeplant werden. Die Chemie muss stimmen, schließlich soll der Deal der Beginn einer längeren, konstruktiven Zusammenarbeit sein.

Dazu ergänzt Mielke, dass Zeit ohnehin ein entscheidender Faktor beim Aufbau eines Business sei: „Wenn nach der ersten Finanzierungsrunde weiteres Kapital notwendig ist, dann lieber nicht zu lange warten, sondern gleich wieder raus und rechtzeitig Geld akquirieren.“

Hard facts, soft skills

Für ein späteres Investment sind im Vorfeld harte Fakten und aussagekräftige Zahlen unentbehrlich, da sind sich beide Experten einig. „Zahlen, Marktdaten, Umfragen, Ergebnisse der ersten Tests usw. Alles, was verfügbar ist, aufbereiten. Kunden sowie Geschäftspartner als Referenzen gewinnen. Vorbereitet sein!“, sagt Laura Möller.

Lukas Mielke bringt es auf den Punkt: „Kenn‘ Dein Business!“ Venture-Capital-Geber machen in diesem Prozess auch ihre „Hausaufgaben“, checken die vorgelegten Daten und recherchieren alles zum jeweiligen Startup. Dabei holen sie sich in ihrem Netzwerk auch Referenzen zum entsprechenden Unternehmen ein. Das gilt auch für dessen Kunden und Geschäftspartner. Unstimmigkeiten fallen hier schnell auf. Wissen über Fundraising sollte ebenfalls vorliegen: „Gründer sollten wissen, welche Formen der Beteiligung sich anbieten und wie die jeweiligen Bedingungen sind.“

Venture-Capital-Geber wollen für sich eine Vielzahl an Fragen geklärt sehen:

Kann die Gründerin ihre Idee (und damit auch ihr Produkt) verkaufen? Wie schätzt der Gründer den Markt ein? Liegen Umfragen unter potentiellen Kunden sowie Marktanalysen vor? Auf welchen Quellen basieren die Erkenntnisse des Gründenden? Weiß das Gründerteam, wie es Kapital generieren kann (Stichwort: Fundraising)? Kann das Startup auch laufen, wenn für eine bestimmte Zeit kein Geld reinkommt?

Die Qual der Wahl

Am Ende muss jeder wissen, welcher Weg der Kapitalbeschaffung zum eigenen Unternehmen und zur eigenen (Gründer-)Persönlichkeit passt: Wer sich für Venture-Capital entscheidet, muss sich darüber im Klaren sein, dass die Geldgeber erwarten, dass sich ihre Investition auszahlt. Das heißt, sie haben klare Vorstellungen, in welche Richtung sich ihr eingesetztes Kapital entwickeln soll: starkes Wachstum. Das gilt auch für Crowdinvesting. Mielke hält es grundsätzlich für eine interessante Form der Beteiligung, auch dank eines gewissen Marketing-Effekts, der damit einhergeht. Für das Startup kann dieses Format aber auch einen enormen Druck mit sich bringen, „denn sobald Probleme auftreten, kann es passieren, dass in der Crowd eine negative Stimmung aufkommt und diese Gefühlslage sogar an die Öffentlichkeit getragen wird.“ Dies ist schädlich für die Außenwirkung des Unternehmens. Aus diesem Grund würde er eher von Crowdinvesting abraten. Besser ist da die Zusammenarbeit mit Business Angels. Diese können den angehenden Unternehmern nicht nur mit Kapital unter die Arme greifen, sondern ihnen auch mit fachlichem Know-how, einem Netzwerk und viel Erfahrung helfen. Dazu ergänzt Möller, dass Startups, die über Crowdinvesting Kapital generiert haben, bei den Beteiligungsgesellschaften oft schlechte Karten haben.

Eine Ergänzung, wenn nicht sogar eine Alternative dazu, stellt die Kapitalbeschaffung über Förderbanken dar. Die Investitionsbank Berlin (IBB) sowie die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) bieten eine Vielzahl an Förderprogrammen an. Damit Gründerinnen und Gründer in diesem Kapital-Dschungel nicht den Überblick verlieren, unterstützen sowohl der BPW als auch die IHK mit ihrer Expertise und vermitteln an die richtigen Kontakte. Auch die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) – mit  ihrem umfassenden Netzwerk – sind bei der Suche nach möglichen Kapitalgebern immer eine kompetente Anlaufstelle.

Moderatorin Anna Schnekker zieht nach dem Talk ein durchweg positives Fazit: 

„Diese Veranstaltung war das richtige Format zum richtigen Zeitpunkt. Wir hatten weit über einhundert Teilnehmende an diesem Live-Panel. Und das trotz aufkommender Video-Konferenz-Müdigkeit, angesichts der vergangenen Wochen im Home-Office. Das zeigt uns, dass wir mit dem Thema bei Vielen den Nerv getroffen haben und ich hoffe, dass die heutigen Erkenntnisse den Startups durch die aktuelle Krise helfen können. Die Quintessenz des Talks ist für mich: Es geht weiter und es gibt immer gute Chancen für Investments.“

Für die Teilnehmer des Live-Panels war es ebenfalls eine runde Sache. Jörg Kortmann bringt es auf den Punkt: „Danke, ich hatte mich schon gefragt, wie die IHK mit nicht stattfindenden Netzwerktreffen umgeht, aber das heute war die Antwort. Danke!“

Das macht Lust auf mehr. Nach diesem vielversprechenden Auftakt wird es definitiv weitere, spannende Formate – auch zu anderen Themen – geben.

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