Gutes Leben in den Grenzen des Planeten

Christoph Göller ist davon überzeugt: Das Thema Nachhaltigkeit ist nicht mehr länger ein Nebengleis bei den großen Weichenstellungen in der Weltwirtschaft. Der Experte für Business Development bei Coolar, einem Startup für völlig neu konstruierte Kühlschränke, stellt eine Prognose, die daran keinen Zweifel lässt: „Selbst wenn Gründer glauben, mit Nachhaltigkeit nichts am Hut zu haben, dann brauchen sie nur schauen, was gerade erst mit Fridays for Future und Unterstützern am Brandenburger Tor und anderswo in der Welt bei den Klimademos los war. Um dieses neue Denken und Handeln wird niemand mehr herumkommen.“

Drei Hauptschlagadern

Tatsächlich ist der Begriff Nachhaltigkeit seit einiger Zeit auf allen Kanälen zu lesen und zu hören. Denn er meint eine umfassende Arbeits-, Wirtschafts- und sogar Lebenseinstellung. Deren Puls durchströmt mindestens drei „Hauptschlagadern“: Neben der bekanntesten, der ökologischen Nachhaltigkeit, sind wirtschaftliche und gesellschaftlich-soziale Nachhaltigkeit die zentralen Aufgaben, die in Gegenwart und Zukunft zu verfolgen sind, wenn ein gutes Leben auf und zugleich für die Erde weiter funktionieren soll. Es gibt also genug zu tun.

BPW ist Vorreiter bei Nachhaltigkeit

Vorne mit dabei: der Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg (BPW). Die das sagen, haben deutlich mehr als nur Ahnung vom Thema: Das gemeinnützige Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit mit Hauptsitz in Berlin verfolgt die Kernaufgabe, die erwähnten, verschiedenen Nachhaltigkeitsaspekte wissenschaftlich zusammenzudenken und auch praktisch zusammenzuführen. Den BPW erlebt der Senior Projektmanager für Sustainable Business Development bei Borderstep, Alexander Schabel, als starken Partner: „Er ist in der Kategorie der klassischen Preiswettbewerbe ganz klar Vorreiter in Deutschland bei der Verankerung des Nachhaltigkeitsanspruchs im Wettbewerbsprofil. Wir sind stolz darauf, im Rahmen einer langen Beziehung zum BPW entsprechende Inhalte in die Arbeitsmaterialien eingebracht zu haben“, hebt Schabel hervor.

Sonderpreis als Zusatzchance

Ein Ergebnis davon ist exemplarisch der mit 5000 Euro finanziell dotierte Sonderpreis Nachhaltigkeit, den alle Wettbewerbsteilnehmenden durch eine automatische Teilnahme und Jurybewertung erringen können. Der Preis ist ein zusätzlicher Ansporn für alle: Vom Spiele-App-Entwickler, der soziale Nachhaltigkeit mitkonzipieren kann, bis hin zu Gründungen, die helfen, ökologische Ressourcen zu schonen. Denn während Ressourcen an ihre Grenzen stoßen, kennen gute Ideen zum Erhalt unserer (Über-)Lebensgrundlagen bislang kein Limit.

Gut leben bei begrenzten Ressourcen

Außerhalb der Wissenschaft fällt eine verständliche, erkennbare und emotional begreifbare Definition von Nachhaltigkeit oft schwer. Es geht nicht selten erst einmal darum, genau hinzuschauen, was der Begriff eigentlich bedeutet. Die meisten Antworten auf der Straße würden in Richtung „Irgendwas mit Umwelt“ gehen. Doch tatsächlich hat der Begriff eine noch viel größere Bedeutung – und damit zugleich ein Anrecht, heutzutage jeden Lebensbereich zu prägen.Borderstep-Experte Schabel liefert eine Definition für den vielgebrauchten und vielen Menschen trotzdem noch nebulös erscheinenden Begriff. Sie bringt es bemerkenswert klar auf den Punkt: „Nachhaltigkeit, das ist die Art des Wirtschaftens heute und der kommenden Generationen auf der Welt – und zwar so, dass die Ressourcen erhalten werden, in den Grenzen, die der Planet dafür vorgibt, um ein gutes Leben zu führen.“ Ob aus Einsicht oder aus Handlungsdruck: Etablierte Unternehmen und große Konzerne verfügen mittlerweile oft über eigene Abteilungen. Diese beschäftigen sich ausschließlich damit, in Unternehmensphilosophie und -praxis die über Jahrzehnte verkannte oder missachtete Nachhaltigkeit nachträglich einzuarbeiten. Ihnen steht das Borderstep Institut zur Seite.

Extrahilfe für Startups

Im Zuge seiner Arbeit hat das Institut sehr früh erkannt, dass ein anderes Herangehen notwendig ist, um Nachhaltigkeit gleich im Frühstadium bei Startups und Entrepreneuren mitwachsen zu lassen. Denn diese verfügen meistens weder über ausreichend Geld noch über Personalstärke, um hierauf ihre Kräfte zu lenken. Zudem sind die Strukturen noch so im Fluss, dass ein durchgängiges „Dranbleiben“ am Thema nicht gesichert ist. Deswegen hat Borderstep beim Deutschen Institut für Normung (DIN) die Entwicklung eines Nachhaltigkeitsstandards speziell für Gründerinnen und Gründer angeschoben. Parallel bietet es ein umfassendes Netzangebot unter www.start-green.net: „Damit geben wir den Gründerinnen und Gründern gleichsam Tools an die Hand, wie sie in Eigenregie und Dialog mit uns frühzeitig und in allen Stadien Ihres Wachstums die Nachhaltigkeit mitwachsen lassen“, so Schnabel. Das Ganze ist gleichsam „open source“ und damit auch kostenlos nutzbar.

Sozial-ökologischer Cooldown

Das eingangs erwähnte Kühlschrank-Vorhaben des Teams von Coolar etwa trug die Nachhaltigkeit bereits „in den Genen“: Es machte sich 2014 auf den faszinierenden Weg, ein Produkt zu bauen, das ohne Strom und giftige Chemikalien im Kühlkreislauf auskommt. Mit warmen Herzen eiskalt konzipiert und kalkuliert hat das Team um Gründerin Julia Römer ein Standgerät in Haushaltsgröße, der mit Warmwasser arbeitet und auf dem Verdunstungs- sowie Adsorptionskälteeffekt basiert. Es gibt hierbei kaum Verschleißteile, dafür aber eine CO2-Reduktion um etwa 60 sowie eine Betriebskosteneinsparung um rund 75 Prozent. Diese Kältetechnologie haben Wirtschaftsingenieurin Römer und ihr Team aus dem Bereich der Großaggregate nun für den Heimbereich im Kühlschrankformat adaptiert. Ziel ist es, die Serienproduktion eines Gerätes zu starten, mit dem besonders in heißen Ländern und unzuverlässiger Stromversorgung zum Beispiel Krankenstationen lebenswichtige Medikamente kühlen können.

Sonderpreis Nachhaltigkeit half

Der Weg von Coolar führte auch über den BPW. Neben dem ersten Preis in der ersten Phase des BPW Plan gewann das Startup 2016 auch den Sonderpreis Nachhaltigkeit. „Die offizielle Anerkennung eines Preises ist immer förderlich. Doch der Sonderpreis ist auch ein echter Anschub für Entwicklungschancen. Ruhm und Ehre sind kostbar, doch mit diesem Geld in der Tasche konnten wir eben auch in den Baumarkt gehen und Material für den Bau unseres ersten Prototypen kaufen. Das ist ganz konkrete Hilfe“, sagt Coolar-Co-Gründer Göller. Der Vorteil des BPW sei außerdem, dass es sehr frühzeitig ein regelmäßiges Feedback für den Businessplan von Coolar gegeben habe, ganz zielgerecht für das Team – auch und gerade in den Bereichen wirtschaftliche, ökologische und gesellschaftlich-soziale Nachhaltigkeit.

Hebel früh umlegen

Gefragt, welchen Praxistipp er neuen Startups weiterreichen könne, braucht Göller nicht lange nachzudenken: „Den Hebel ganz früh umlegen beim Thema Nachhaltigkeit, am besten schon in der Designphase eines Produkts. Und überhaupt sollte die Ausrichtung des gesamten Geschäftsmodells auf Nachhaltigkeit extrem zeitig passieren. Denn so, wie man sich brandet, so bekommt man auch Reaktionen von Investoren, die zu einem passen.“ Gründergeist, Unternehmenserfolg und Nachhaltigkeit sind also keine ungleichen Kräfte. Ganz im Gegenteil: Werden sie frühzeitig kombiniert, entstehen daraus die Dinge, die die Welt wirklich braucht.

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