Gründen als Lebensaufgabe

Mediaire will der Radiologie durch Künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten eröffnen

Heidelberg, das sind Wein, alte Gemäuer und Touristen – und die älteste Universität Deutschlands. Wurde hier 1386 vor allem über Fragen der Theologie, des Rechts, der Medizin und der Philosophie disputiert, kamen 1890 die Naturwissenschaften hinzu. Offenbar nicht zu spät: Sonst wären hier nicht Medizin- und IT-Sachverstand auf hochproduktive Weise zusammengeführt worden.

Denn ab 2009 kreuzten sich die Forschungswege der Physiker Dr. Andreas Lemke und Dr. Jörg Döpfert mit denen des Mediziners Prof. Dr. Henrik Michaely immer wieder. Obgleich alle unterschiedliche Ansätze verfolgten, kam es letztlich zu einem fachlichen Austausch, der so fruchtbar war, dass immer deutlicher die Konturen eines fachlich, wie wirtschaftlich erfolgversprechenden Hightech-Produktes sichtbar wurden: Eine Software auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI), die es erlauben sollte, medizinische Bilddaten in der Radiologie auf hocheffiziente Weise zu analysieren. Und zwar so, dass die komplexe und anspruchsvolle Arbeit des Radiologen zugleich unterstützt und erleichtert wird. Denn durch die wachsenden Datenmengen und die steigende Zahl der Patienten waren schon damals die Radiologen sehr stark gefordert.

Doch wahre Qualität, gerade in der Spitzenforschung, lässt sich nicht im Handumdrehen erzielen. Erst sechs Jahre später konnten die Früchte dieser interdisziplinären Anstrengung geerntet werden. Als Lemke und seine Kollegen 2009 ein erstes, kleines Unternehmen gründeten, gelang ihnen sogleich die Hightech-Variante eines „regionalen Wirtschaftskreislaufs“: Sie verkauften den Prototyp ihrer Radiologie-Konzeptsoftware an ein Heidelberger Unternehmen. Doch das war nicht das Ende der Geschichte, sondern erst der Anfang.

Sowohl geschäftlich wie privat zog es Lemke und seine Lebenspartnerin 2018 in die Hauptstadt: Berlin als pulsierender Forschungs- und Wirtschaftsstandort schien wie dafür geschaffen, die innovative Systemlösung weiterzuentwickeln und in großem Stil in Umlauf zu bringen. Doch was kam, war eine schwierige Zeit: „Freunde aus Berlin stießen zum Projekt. Gemeinsam war dies die vielleicht härteste und anstrengendste Phase des Startups für uns. Alles war atemberaubend und sehr ungewiss: Im Februar 2018 war der komplette private Umzug aus Heidelberg nach Berlin zu meistern, praktisch zeitgleich gründete das Team das neue Unternehmen ‚Mediaire‘ und schon einen Monat später begann das Coaching BONUS-Programm mit Dr. Christof Schaffrannek“, erinnert sich Lemke an die „Tour de Force“ zwischen Kartons, Formalien und Meetings. Er fasst die Herausforderungen zusammen: „Das Schwerste war, das Unternehmen schon zum Laufen zu bringen, als noch viele Fragen offen waren, die Menschen zu überzeugen und zugleich noch das finanzielle Fundament zu schaffen.“

Mittlerweile ist Mediaire ein wachsendes Startup auf Hochtouren: Das Unternehmen ist eines der „Gesichter“ des BPW 2019. Seine Basis befindet sich im Charlottenburger Innovations-Centrum, an der Bismarckstraße, kurz CHIC. „Täglich sind dort im operativen Geschäft vier Personen vor Ort. Zusammen mit den Gründern arbeiten zurzeit acht Menschen am Erfolg von Mediaire“, so Lemke. Er erinnert sich gerne an das erste Sekttrinken mit dem Pilotkunden nach dem erfolgreichen Start – und den dritten Platz beim BPW Plan des Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg 2018. Denn neben dem Coaching-BONUS-Programm profitierte Mediaire auch von der kritisch-konstruktiven Begleitung durch das BPW-Netzwerk und den zahlreichen Seminarangeboten und Beratungsmöglichkeiten.

Auf die Frage, wo Mediaire in zwei Jahren stehen will, gibt Lemke eine Antwort, die den Realisten und Naturwissenschaftler repräsentiert: „Zumindest soll dann jeder in der Radiologie die Künstliche Intelligenz der Mediaire-Konzeptlösung kennen“, sagt Lemke. In zwei Jahren wollen er und seine Mitgründer in diesem Branchensegment der Marktführer sein: 100.000 radiologische Praxen sollen die Vorteile des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz und des modularen Aufbaus in sämtlichen radiologischen Anwendungsfeldern nutzen.

Momentan arbeitet das Team in Sachen Markt-Launch mit Hochdruck. Kundenansprachen, Investorensuche und die aufwändige Zertifizierung werden zugleich vorangetrieben, immer mit dem Selbstbewusstsein um die eigenen Alleinstellungsmerkmale: Mediaire bietet als einziger Anbieter die durchgängige Sicherheit der Patientendaten durch eine lokale Analyse und die Interoperabilität mit allen radiologischen Systemen beim Kunden vor Ort. Zusätzlich ermöglichen eine sofortige Diagnose des Patienten und der strukturierte Befundvorschlag eine signifikante Effizienzsteigerung des Radiologen.

Nach einem Wechselbad der Gründer-Gefühle zieht Lemke eine klare Zwischenbilanz: „Gründen ist eine Lebensaufgabe, denn sie beeinflusst das ganze Leben danach. Es ist eine Berufung. Man weiß, was man will, und hat enorme Freiheiten, die Dinge so zu gestalten, wie man sie vor sich sieht. Vor die Wahl gestellt: Ich würde es wieder machen.“

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