Wo es gut läuft, weil der Wurm drin ist

Das Team TeneTRIO knackt mit Insektenpops für Hunde kulturelle Grenzen

Ab wann ist ein Unternehmen etwas Besonderes? Die Antwort lautet zum Beispiel: Wenn der Wurm drin ist und das sogar zum großen Plan gehört – so wie bei der EntoNative GmbH. Das Brandenburger Startup ist eines der Gesichter des BPW 2019 und rüttelt gerade mit Erfolg an nahrungsmittelkulturellen Gewohnheiten. Denn das ein halbes Dutzend starke Frauen-Team bringt seit kurzem und mit wachsendem Erfolg Insekten als Nahrungsmittel auf den Markt.

Allerdings sind die TenePops, das Flaggschiff der künftigen Produktfamilie TeneTRIO, noch kein Snack für proteinhungrige Menschen. Andere Leckermäuler, mit weniger Vorbehalten, aber umso feinerer Nase, lassen sich damit verwöhnen. Die luftig-knusprigen Kügelchen auf Basis von Mehlwürmern der besten Nährstoffzusammensetzung, sorgsam in Potsdam zur Verzehrreife gezüchtet, verschwinden in Hundemägen. Dass der „beste Freund des Menschen“ nicht so lange zögert und nur frisst, was ihm auch wohltut, schätzt EntoNative-Geschäftsführerin Dr. Ina Henkel aber nur als Nebenmotiv für die gewählte Zielgruppe des Produktes ein. Die Änderung auch von menschlichen Ernährungsgewohnheiten brauche zwar Zeit, aber Lösungsansätze für den steigenden Proteinbedarf zu finden, sei jetzt bereits aktuell, also: der Hund.

Die mit der asiatischen Gewohnheit, Insekten selbstverständlich auch als menschliche Kost zu verwerten, durch Forschungsreisen gut vertraute Henkel und ihre Teamkolleginnen verfolgen aber weniger das Ziel, „ein Gericht nach Europa zu holen“, sondern wollen ein Puzzleteil zur Lösung einer Grundfrage beisteuern: „Wie wollen wir im Jahr 2050 prognostizierte zehn Milliarden Menschen ernähren? Es ist auch ein Stück Notwendigkeit und hat aus meiner Sicht weniger nur etwas mit Mut zu tun“, sagt die Geschäftsführerin. „Wir brauchen Alternativen – und Insekten können einen Beitrag leisten, weniger als Gesamtlösung, sondern als eine von vielen. Denn auch die Anzahl der Heimtiere und somit auch der Hunde wird steigen, auch unsere Lieblinge sollen gut ernährt werden“, so die Gründerin.

Zudem gibt es Henkel zufolge im Snackbereich bei Hunden schlicht gravierende Missstände. Genau dies war für sie und ihre Kollegin und Co-Gründerin Katrin Kühn sowie Co-Gründerin und Betriebswirtin Sabrina Jaap der Ansatzpunkt, in Forschung, Entwicklung und letzlich Gründung etwas wirklich Neues zu wagen. Die gesunden Leckerlis für Hunde als Weg über den besten Freund des Menschen, der langfristig hoffentlich zur Akzeptanzerhöhung und Bereitschaft beim Menschen führt, über das Thema Proteine aus Insekten nachzudenken. „Da wird erst einmal die gedankliche Blockade vermieden, die Insekten gleich selber essen zu müssen. So kommt man viel besser mit Menschen ins Gespräch und kann sie auf ganz anderer Ebene abholen und aufklären“, konstatiert Henkel.

Das Risiko, eine solche Innovation gleichsam freihändig zu entwickeln, gingen die beiden Gründerinnen nicht ein. Sie setzten auf Fördermöglichkeiten und ein gutes gewachsenes Umfeld: „Angefangen hat alles mit meinem damaligen Chef Prof. Dr. Florian Schweigert, der die Idee mitgetragen hat. Dazu kamen ein EXIST-Gründerstipendium und Auszeichnungen auf diversen Wettbewerben. Das ermöglichte uns, die Idee weiterzuentwickeln. Dazu muss man allerdings die Bereitschaft haben, Input von außen zuzulassen, ohne jeden gut gemeinten Tipp bzw. Rat auch gleich umsetzen zu müssen“, erinnert sich Henkel. Zudem fanden sie auch Investoren, die den gemeinsamen Vorstoß in dieses wirtschaftliche wie alltagskulturelle Neuland wagten.

Daran, dass sie diese Ressourcen auch sinnvoll ausschöpfen konnten, bis zur Gründung der GmbH, der Serienreife der Produkte und bis zum Marketing, hat auch der Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg (BPW) einige Aktien: „Der BPW brachte den Stein zum Weiterrollen“, sagt Henkel unumwunden. „Der erste Berührungspunkt war 2016 zur 1. Prämierung in Potsdam, kurz nachdem wir, bereits zu Dritt, entschieden hatten, ein EXIST-Gründerstipendium anzugehen. Unser Ziel an dem Abend war geboren: Einreichen unserer Idee zur 3. Runde. Die erste Prämierung war für uns Motor, etwas einzureichen und von anderen Feedback zu bekommen“, betont die Geschäftsführerin.

Sie nahmen viele Workshops und Seminare mit, zur Wissenserweiterung, aber auch zur Schärfung der eigenen Geschäftsidee und zu guter Letzt natürlich auch, um Kontakte zu knüpfen. „Die Erinnerungsmails gaben uns übrigens Ansporn, am Ball zu bleiben und die Deadline wirklich einzuhalten. Der Klassiker: Wir haben trotzdem erst wenige Minuten vor Mitternacht die Idee eingereicht“, schmunzelt Ina Henkel. „Der BPW ist wie Familie: Da arbeiten unheimlich tolle Menschen, die das Thema „Gründen“ einfach zelebrieren und einem das ehrliche Gefühl geben, dass man eine tolle Idee hat und es sich lohnt, dranzubleiben, die Idee weiterzuentwickeln, ins Gespräch zu kommen mit Menschen, Meinungen und Know-how einzuholen“, betont sie. Dies ist für sie und das Team um so wichtiger, als auch die „Stressoren“ nicht ausbleiben: Ein viel zu kurzer Tag für viel zu viele Aufgaben, der Wunsch, trotz Zeitnot viel zu lernen und die komplexe Suche nach wirklich passender Teamverstärkung sind die Herausforderungen der Gründerinnen.

Das es bei so viel Biss und Zutrauen tatsächlich nicht bei Hundeleckerlis bleibt, sondern Insektenproteine auch für Frauchen und Herrchen schmackhaft werden sollen, lässt sich schon ahnen: Zwar gibt es noch keine Produkte, aber das Unternehmen praktiziert Aufklärung zum Thema im menschlichen Bereich bereits jetzt als wichtigen Baustein. Hinzu kommen regelmäßige Events mit Schülern und populärwissenschaftliche Vorträge auch für Erwachsene. Und es gibt sogar schon eigene Forschungs- und Entwicklunsgansätze im Bereich der menschlichen Ernährung. „ Wir beobachten die Entwicklungen im Humanbereich natürlich genau. Ende 2019 wollen wir hier auch aktiver werden“, kündigt Henkel an.

Doch neben den Visionen gilt vor allem eines – Sorgfalt beim organischen Wachstum des Unternehmens. Diese Solidität prägt auch die konkreten Ziele für 2019: -Dann soll die Produktpalette um weitere Snacks und ein Alleinfutter erweitert werden, um vertrieblich stärker auftreten zu und den Kunden möglichst hohe Vielfalt bei der Auswahl anbieten zu können.

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