Alle Neune, ganz businesslike

Praxisnähe und Systematik zählen beim Business Model Canvas-Workshop

Der Saal ist groß, die Tische stehen im obligatorischen „U“, flankiert von Flipcharts – alles ist konferenzbereit in der „Havellounge“ der Investitionsbank Berlin (IBB). Was an diesem Morgen an der Bundesallee 210 fehlt, sind ernste Menschen mit Krawatten Das liegt daran, dass bei Unternehmern von morgen kaum mehr das Ding mit Windsorknoten und Anzug zählt, sondern vor allem die griffige Idee mit Perspektive: Mehr als zwanzig Gründerinnen und Gründer sind gekommen, um in Sneakers, rosa Pullies oder Kapuzenshirt ihrer eigenen Geschäftsidee erste Konturen zu geben. Sie haben sich für den Workshop zum Canvas-Model des Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg 2019 entschieden.

v.l.n.r. Francisca Schmidt, Harald Pflughaupt, Petra Owen

Das Dozententrio hat ein klares Ziel: Harald Pflughaupt, Managing Director der internationalen Marketingberatung Berlin Specialists, Petra Owen, Geschäftsführerin des Berlin-Büros der internationalen Guerilla Marketing Group und Francisca Schmidt als freiberufliche Business Development-Dozentin wollen, dass die „Seminaristen“ nach vier Stunden Intensivtraining wissen, wie sie sich mit dem Canvas-Model mehr Klarheit über Chancen, Bedarfe und Zielgruppen ihrer Geschäftsidee verschaffen können.

Die Vorzüge liegen für sie auf der Hand: An erster Stelle rangiert die Chance, die Planungsargumente zu hinterfragen und zu strukturieren, zur eigenen Idee lieber eine Frage mehr als zu wenig an sich und andere zu stellen und ein neutrales Feedback zu bekommen. Zweitens lässt sich schnell herausarbeiten, ob und wie man mit dem Produkt oder der Dienstleistung Geld verdienen kann und nicht nur „hineinbuttert“. Und beinahe ebenso wichtig: Man kann mit dem Canvas leichter einmal die emotionale Brille auf das „eigene Baby“ namens Geschäftsidee abnehmen, also nüchtern bewerten und nicht nur träumen.

Für all das ist die Fläche gut, die der Methode ihren Namen gab. Canvas heißt auf Englisch Leinwand. Dies kommt der Grundlage dieser kleinen Kunst dieses Tages schon nahe: Auf einem großen Papierbogen erwartet die Gäste das von Alexander Osterwalder entwickelte Model aus neun Feldern: Wie sich Schlüsselpartner, -aktivitäten und -ressourcen definieren, was Wertangebote, Kundenbeziehungen, Kanäle und Kundensegmente für eine Rolle spielen und wie schwer Kostenstruktur und Einnahmequellen wiegen, wird nicht beim ersten Hinschauen klar.

Deswegen will sich auch Tsima Bolik erst einmal vortasten. Er erfuhr über die Startup-Messe deGUT vom Seminar und hat sein Ziel definiert: „Ich möchte Ideen einsammeln und eigene, schon existierende Ideen schärfen.“ Seine Geschäftsidee kreist um die Pole Veganismus und die Psychologie. Er entscheidet sich aber dafür, nicht sein eigenes Vorhaben vorzustellen, sondern sich einer Arbeitsgruppe anzuschließen, die Chancen für Produktion und Verkauf einer spezifischen Designbrillen-Produktion ermitteln möchte. Anna-Caroline Merseburger dagegen möchte ihr konkretes Projekt per Canvas qualifizieren. „Mein Ziel ist, heute alles mitzunehmen, was Input gibt und die Tools kennenzulernen oder zu vertiefen, für einen nächsten Schritt“, sagt die Einzelunternehmerin. Sie ist bereits mit der Bekleidungsmarke Bingabonga auf dem Markt. Das Öko-Label produziert zeitlose Baby- und Kindermode aus hochwertiger und langlebiger Bio-Baumwolle in einer kleinen Berliner Werkstatt. Per Canvas-Model möchte Merseburger das Potenzial für eine neue Bekleidungslinie eigens für körperbehinderte Kinder herausarbeiten.

Damit das Seminar die Canvas-Systematik kennenlernt, erarbeitet Coach Pflughaupt gemeinsam mit allen Aktiven die Arbeitsreihenfolge. „Einfach die Punkte von links nach rechts erarbeiten macht keinen Sinn“, sagt er. Sein lockerer Stil lässt genug Raum für eigenes Denken. So wird im Dialog klar: Beim Wertangebot, also dem, was man als Produkt oder Leistung bieten will, und dem Kundensegment, also der Zielgruppe, fängt alles an. Dann arbeitet der „Canvasser“ sich über die Kanäle und Beziehungen zum Kunden, die Einnahmequellen, die drei Schlüsselfaktoren bis zur Kostenstruktur durch. Nur eines ist Tabu: Irgendetwas auszulassen. Was im Kegeln als Traumquote zählt, ist hier verpflichtende Norm: Alle Neune, ganz businesslike.

 

Danach heißt es: Aufstehen, für das Startup mit Erfolg: Ab jetzt wird im Stehen um die Canvas-Boards gearbeitet. Beeindruckend schnell finden die fünf Arbeitsgruppen zu einem offenen, konstruktiven und vor allem produktiven Gedankenaustausch. Jede gute Idee bekommt ihre „Quittung“ in Form eines bunten Klebezettels auf der Canvas-Fläche. So erleben alle in Echtzeit mit, wie aus rohen Gedanken erste, fassbare Strukturen werden: Bahn frei nicht nur für Designbrillen und anmutige Spezial-Kleidung, sondern auch für andere kreative Ideen wie die Schlafpraline, für pädagogische Games und eine Plattform für Unternehmungen im wahren Leben. Die Coaches agieren die ganze Zeit als dezente Helfer im Hintergrund, geben beim Besuch von Station zu Station Tipps und Hilfestellungen. Coach Petra Owen etwa rät dazu, Chancen zu ergreifen: „Fragt die potenziellen Kunden nach ihren Bedürfnissen und Kaufbedingungen. Das ist wertvolle Gratis-Marktanalyse. Hinterher wisst ihr viel besser Bescheid, welche Eigenschaften das Produkt mitbringen muss.“

Nach mehr als zweieinhalb Stunden intensiven Nachdenkens und Diskutierens haben die Gründerinnen und Gründer von morgen noch keinen Feierabend. Die Abschlusspräsentation steht an: Jede Gruppe hat sportliche zwei Minuten Zeit, ihr Konzept investorenlockend „über die Bühne zu bringen“ – eine erste Berührung mit dem Pitchen, dem herausfordernden Dauerbegleiter des BPW.

Das klappt schon erstaunlich gut – und ist ein sichtbares Zeichen dafür, wie das Business Model Canvas hilft, die Schwerpunkte zu erkennen und die Gedanken zu sortieren. Für Nachfragen der Coaches und der Teilnehmer gibt es je drei Minuten: Keiner kommt dabei wirklich ins Schwitzen. Doch auch hier nimmt jeder Erkenntnisse mit, über das, was noch unausgegoren ist. Eine fiktive Käufer- bzw. Investorensuche unter allen Teilnehmenden rundet das Finale ab. „Wer würde dieses Produkt kaufen, wer würde in die Idee investieren?“, fragt Pflughaupt. Mit einer Nullquote bleibt keiner zurück. Aber der Renner, mit dem meisten „Kunden“ und „Investoren“, sind die edukativen Digitalgames. Gründerin in spe Amany Annaggar freut sich: „Ich bin sehr zufrieden. Das sind wichtige Rückkoppelungen für meine Ideen und Konzepte“, sagt sie.

 

Motiviert und strategisch-methodisch klarer packen die Workshop-Aktiven ihre Unterlagen ein. Anne-Caroline Merseburger freut sich: „Das war total angenehm und für mich nicht anstrengend. Es ist einfach interessant, Rückmeldungen von Menschen zu erhalten, die niemals ins Projekt eingebunden waren“, sagt sie. Tsima Bolik sieht es vor allem „gehirnsportlich“: „Das Gute ist das gemeinsame Überlegen mit anderen. Man trainiert einfach sein betriebswirtschaftliches Denken.“ Er will auf jeden Fall beim BPW 2019 dabei sein – und das gleich doppelt: „Für die Frühphase ist das Canvas-Model besonders interessant. Und für das Feintuning werde ich die Kategorie BPW Plan ebenfalls nutzen. Klar ist: Ich mache beides.“

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